Alltag mit Schizophrenie

Vorträge: Die Stille durchbrechen

Nach meiner 2. Psychose begann ich die Erlebnisse mit meiner Krankheit detailliert zu dokumentieren und aufzuschreiben (über meine zwei Psychosen, meine Symptome und Gedanken). Diese Aufzeichnungen habe ich im Rahmen meiner Therapie vor meiner Psychologin vorgetragen. Sie war sehr begeistert von diesen Aufzeichnungen und teilte mir mit, dass die Fähigkeit, die Erfahrungen mit der Krankheit – gerade während der Psychosen – wiedergeben zu können, eher selten sei. Da ich noch eine zweite Meinung zu meinen Aufzeichnungen haben wollte, und zwar von jemandem, der sich auch mit Schizophrenie auskennt, schickte ich sie an einen Professor. Einige Zeit später teilte er mir mit, dass er beeindruckt davon sei, wie klar ich meine Symptome während der Psychose beschreiben konnte. Des Weiteren wies er mich auf eine Projektstelle hin, die ihren Sitz in Münster hat. Die Projektstelle heißt „Anders denken über anders sein“ und sie führt Projekte mit Menschen mit einer psychischen Erkrankung durch. Das machte mich neugierig und so beschloss ich, dort einmal vorbeizuschauen, um mir einen Überblick über die angebotenen Projekte zu verschaffen. Dass sich die Projektstelle in Münster befindet war für mich daher von Vorteil, weil meine Schwester dort wohnt. Gesagt, getan. Ich besuchte die Projektstelle in Münster. Frau Forstmann, eine Mitarbeiterin dort, empfing mich freundlich und stellte mir die verschiedenen Projektangebote vor. Eines dieser Projekte beispielsweise war, dass die Mitarbeiter zusammen mit Betroffenen in Schulen gehen und sie in den Klassen über ihre Erkrankung erzählen können und die Schüler anschließend Fragen an die Betroffenen richten konnten. Dieses Projekt interessierte mich am meisten, aber leider konnte ich nicht mehr daran teilnehmen, da schon andere Betroffene an diesem Projekt beteiligt waren.

Im Laufe unserer Unterhaltung berichtete ich Frau Forstmann über meine Aufzeichnungen und dass ich sie gerne vor Studenten vortragen würde. Daraufhin sagte mir Frau Forstmann, dass sie das für eine gute Idee hält und diesbezüglich mit einer Dozentin von der Fachhochschule in Münster sprechen wollte. Zum Abschluss unseres Gesprächs sagte sie noch: „Und jetzt gehst du bestimmt raus die Sonne genießen“. Denn an diesem Tag war es draußen sehr sonnig. Ich antwortete: „Ja“. Doch innerlich war mir klar, dass ich die Sonne durch meine Krankheit nicht richtig genießen können würde, weil die Sonneneinstrahlung für mich oft unangenehm ist. Dann denke ich, dass ich die Sonne hätte genießen können, wenn ich gesund wäre.

Es vergingen ein oder zwei Wochen, da meldete sich eine Frau Gapella bei mir. Sie war die Dozentin an der Fachhochschule in Münster und teilte mir mit, dass ich demnächst einen Vortrag über Schizophrenie vor den Studenten halten könnte. Ich habe mich natürlich gefreut, dass es geklappt hat, denn Schizophrenie ist eine Krankheit, um die es sehr still ist und oftmals finden Erkrankte weder in der Gesellschaft noch im öffentlichen Diskurs einen Platz.

Folglich kam es dann dazu, dass ich erstmals einen 45-minütigen Vortrag über meine Krankheit vor ca. 12 Studenten der sozialen Arbeit gehalten habe. Kurz vor dem Vortag war ich schon etwas nervös, weil ich sonst kaum etwas vor Leuten vorgetragen hatte. Doch als ich dann anfing, merkte ich wie ich nach und nach sicherer wurde in dem, was ich erzählte. Ich habe auch nicht nur abgelesen, sondern hin und wieder Augenkontakt zu den Studenten gehalten, welche aufmerksam zuhörten. Als der Vortrag dann zu Ende war, war ich sehr erleichtert und zufrieden mit mir. Auch die Studenten fanden meine Erfahrungen mit der Krankheit sehr interessant. Es gab dann noch eine Fragerunde, in der die Studenten Fragen an mich stellen konnten. Beispielsweise fragte einer wie es für meine Familienangehörigen gewesen ist als ich krank wurde. Ich erzählte dann, dass es besonders für meine Schwester nicht leicht gewesen ist.

Damit dieser Vortrag nicht der letzte war, habe ich auch andere Unis kontaktiert, bei denen ich ebenfalls Vorträge angeboten habe, und daraufhin einige Einladungen bekommen. Es macht mir Spaß, meine Erlebnisse mit der Krankheit mit anderen Menschen zu teilen, da ich sehr offen mit meiner Krankheit umgehe und mich auch nicht dafür schäme. Und meine Intention ist es, durch diese Vorträge die Menschen mehr über Schizophrenie aufzuklären und eventuell auch negative Vorurteile zu widerlegen, um den Umgang mit Betroffen zu verbessern. Mit diesem Beitrag möchte ich auch andere Betroffene motivieren, offen mit dieser Erkrankung umzugehen und sich nicht zu verstecken.

Ein Gedanke zu „Vorträge: Die Stille durchbrechen“

  1. Hallo Jessica,
    ich habe heute deinen Vortrag in Bonn angehört und wollte über diesen Weg Danke sagen. Ich finde es sehr beeindruckend und mutig, dass du über die Symptome und deine Erlebnisse berichtest, und vor allem wie offen und ehrlich du das tust. Einen großen Respekt dafür, es war schön mal aus deiner Sicht geschildert zu bekommen. Alles Gute für dich.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.