Krankheitsgeschichte

Das himmlische Kind

Ich hatte nun schon insgesamt drei Wochen in der Nordseeklinik gearbeitet, da stand das erste Bufdi-Treffen an, ein Treffen von mehreren Bundesfreiwilligen aus Deutschland, bei dem Seminare über den Dienst gehalten werden. Dazu reiste ich zurück aufs Festland in eine Jugendeinrichtung, in der das Treffen stattfand. Die anderen dort waren mir eigentlich sympatisch. Doch als wir dann einen Ausflug mit Fahrrädern machten und anschließend mit dem Zug in die Stadt Bremen fahren wollten, hatte ich das starke Gefühl, dass ein Mädchen über mich gelästert hat, obwohl es nicht so war. Deswegen dachte ich mir eine Ausrede aus und fuhr alleine wieder zurück zur Jugendeinrichtung. Abends saßen einige im Aufenthaltsraum und sangen zusammen. Ich hörte den Gesang von meinem Zimmer aus und halluzinierte, dass ein Junge über mich singt. Ich hörte wie er singt: „Sie ist so hübsch. Sie hat so eine schöne Figur.“

Des Weiteren hatte ich das Gefühl, dass sich einer der Bufdis in mich verliebt hätte. Und als ich abends in meinem Bett lag, glaubte ich, dass dieser Junge vor meiner Zimmertür stand und mir sagen wollte, dass er auf mich stehe, sich aber nicht ganz traut. Ich dachte, dass er es mir unbedingt heute Abend noch sagen wollte, weil ich am nächsten Tag schon wieder zurück nach Borkum reisen würde. Während ich mit diesen unrealistischen Gedanken zu tun hatte, dass dieser Junge in mich verliebt sei, dachte ich sofort an Tim. Ich überlegte, dass ich diesem Jungen sagen würde, dass ich schon in jemand anderen verliebt sei. Doch niemand stand vor meiner Tür und niemand außer meiner Zimmergenossin kam in mein Zimmer.

Am nächsten Tag ging es wieder zurück nach Borkum. Ich sollte einige Briefe der Klinik zur Post bringen. Auf dem Weg hörte ich dann eine Stimme, die sagte, dass ich ein himmlisches Kind sei. Und ehrlich gesagt fühlte ich mich auch so. Ich fühlte mich auf eine Art heilig. Es war sehr windig und als mein Körper von einer starken Windböhe erfasst wurde, sagte die Stimme: „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“. Ich konnte diese Stimme überhaupt nicht einordnen und konnte mir einfach nicht erklären, woher sie kam. Dennoch hatte ich nicht unbedingt Angst vor ihr, sondern war eher verwirrt.

Wegen den Worten der Stimme fing ich an zu glauben, dass ich ein Engel sei, genau so wie Tim. Als ich morgens zur Arbeit ging und an einem Kindergarten vorbeikam, der ein großes Fenster hatte, sah ich die kleinen Kinder, wie sich mich alle anstarrten. Ich glaubte sie starrten mich so an, weil sie sahen, dass ich ein Engel auf Erden bin und ein helles Licht ausstrahle.

In meiner WG hatte mir meine Mitbewohnerin Nadine aufgetragen, die Wohnung zu putzen. Ich war der Ansicht, dass ich als Engel erst noch ausgebildet werden muss und dass ich – während ich die Wohnung putze – gleichzeitig lerne, was man als Engel macht bzw. wie man sich als Engel verhält. Kurze Zeit später fing ich an zu glauben, dass ich nicht mehr in der richtigen Welt lebe, sondern dass ich in eine andere Welt übergegangen bin, in der es sowohl Engel als auch Dämonen gibt. Folglich dachte ich, dass die Menschen um mich herum keine Menschen  mehr sind, sondern Engel und Dämonen in Menschengestalt. Ich erinnerte mich an die Seehundbucht, von der mir meine Mitbewohnerin erzählt hatte und wollte unbedingt dort hin. Als ich sie erreichte, machten die Seehunde auf mich einen angsteinflößenden Eindruck und ich glaubte, sie seinen Dämonen, also meine Gegner. Ich blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete sie. Sie waren etwa 10 Meter von mir entfernt und einige von ihnen sprangen ins Wasser. Als sie auftauchten sah ich in ihren Augen etwas böses und ich beschloss, ihnen aus dem Weg zu gehen, indem ich wieder umkehrte.

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