Alltag mit Schizophrenie

Schizophrenie und mein soziales Umfeld

In diesem Beitrag möchte ich beschreiben, wie mein soziales Umfeld auf den Beginn meiner Erkrankung reagiert hat, wie es mit meiner Erkrankung umgeht und wie es sich seit der Anfangsphase meiner Krankheit entwickelt hat.

Wie ihr aus einem meiner Beiträge vielleicht schon wisst, war es so, dass ich mich am Anfang meiner Krankheit von meinen sozialen Kontakten distanziert habe. Dies betraf hauptsächlich meine damalige beste Freundin Christine und meine Schwester. Für meine Schwester war diese Distanz sehr schwierig, da sie nicht verstanden hat, dass dies ein Symptom der Erkrankung war. Sie hatte den Eindruck, dass ich sie nicht mehr mag und keine Lust habe, etwas mit ihr zu unternehmen. Und trotz meiner Abweisung gegenüber ihr versuchte sie mehrmals, Kontakt mit mir aufzunehmen, indem sie mich in der Jugendeinrichtung besuchte oder mich anrief. Doch ich ging nicht auf ihre Annäherungsversuche ein. Da meine Schwester zu diesem Zeitpunkt noch mit ihrem Studium beschäftigt war, gab sie zunächst auf, irgendwie an mich heranzukommen, weil sie auch verzweifelt war und nicht wusste, was sie tun sollte. Zu meiner Mutter war ich in dieser Zeit jedoch nicht so abweisend, wobei ich auch nicht genau sagen kann, warum. Sie kam mich öfters in der Jugendeinrichtung besuchen und manchmal unternahmen wir auch etwas miteinander.

Was meine beste Freundin Christine angeht, war es ähnlich. Für sie sah es so aus, als würde ich den Kontakt zu ihr abbrechen, weil ich nicht mehr mit ihr befreundet sein will und sie mir überhaupt nicht mehr wichtig sei. Deswegen versuchte sie auch gar nicht, mit mir darüber zu sprechen bzw. den Kontakt wiederherzustellen. Auch sie verstand nicht, dass diese Abneigung nicht von mir, sondern von meiner Erkrankung kam.

Als ich dann meine erste Psychose bekam und erstmals eine „Schizophrenie“ diagnostiziert wurde, war es für mein soziales Umfeld ein Schock. Am meisten für meine Schwester, deren letztes gesundes Familienmitglied nun auch psychisch erkrankt war. Für sie war ich die engste Bezugsperson und diejenige, mit der sie über alles reden konnte und sie unterstütze, wenn sie traurig war oder Probleme hatte wegen der Erkrankung unserer Eltern. Doch nun war eine Zeit gekommen, in der ich nicht mehr diese Gesprächspartnerin und Schwester sein konnte. Denn nun war ich selbst erkrankt und so tief in meinem Wahn gefangen, dass ich meine Schwester nicht mehr als solche erkannte, sondern für einen Feind, genauer gesagt für einen Dämon, hielt, der mir schaden will. Aus diesem Grund schickte ich sie weg, wenn sie mich in der Klinik besuchen wollte. Sie nahm diese Situation emotional mit und sie fühlte sich sehr isoliert.  Sie glaubte, nun den Bezug zu ihrer einzigen Schwester verloren zu haben. Sie hatte auch überhaupt keine Ahnung davon, dass ich sie nur wegschickte, weil ich tief in einem Wahnsystem steckte. Auch wenn die Ärzte klar eine Schizophrenie diagnostizierten, gab es unter den Menschen in meinem Umfeld einige, die an dieser Diagnose zweifelten oder es nicht verstanden. Einige meiner Verwandten malten sich dann irgendwelche – teilweise unrealistische – Gründe aus, warum es mir nicht gut ging. Eine Bekannte von mir glaubte beispielsweise, man müsse nur mal mit mir spazierengehen und schon würde sich mein Gesundheitszustand verbessern. Eine weitere Verwandte von mir glaubte, ich hätte nicht Schizophrenie, sondern eine andere psychische Erkrankung.

Meine beste Freundin Christine hielt sich während meiner ersten Psychose sehr zurück. Sie kam einmal zu Besuch, sprach aber nicht viel mit mir. Sie fragte mich lediglich, wie die Leute in der Klinik so seien. Aufgrund meiner Psychose wusste ich gar nicht genau, ob sie wirklich meine beste Freundin war oder irgendjemand bzw. irgendetwas anderes. Christine war einfach mit meinem Zustand überfordert, was auch verständlich ist.

Nachdem die Psychose abgeklungen war und ich Krankheitseinsicht bekam, erklärte ich meiner Schwester, wieso ich in der Psychose keinen Kontakt zu ihr wollte. Sie war natürlich erleichtert, als sie erfuhr, dass ich sie nur wegschickte, weil ich sie für einen Dämon gehalten hatte. So wurde unser Verhältnis wieder besser. Anders war es bei Christine: Ich hatte mich durch die Schizophrenie sehr verändert. Ich war ernster, zurückhaltender und redete kaum. Damit kam Christine nicht zurecht. Es war für sie problematisch, weil unsere Verabredungen dadurch nicht mehr locker, sondern eher verkrampft waren. Ich versuchte ihr außerdem zu erklären, warum ich mich am Anfang so von ihr distanziert habe und, dass ich gerne wieder mit ihr befreundet sein würde. Christine verstand auf eine Art zwar den Grund für meine Distanz ihr gegenüber, doch sie sagte mir, dass wir uns mit der Zeit auseinandergelebt hätten und dass sie mich nicht mehr als beste Freundin sehe, so wie früher, sondern nur als gewöhnliche Freundin. Sie sagte mir noch, dass sie auch nicht wirklich weiß, wie sie mit mir umgehen soll und das machte mich sehr traurig. Ich hätte mir einfach eine Freundin gewünscht, die für mich da ist, gerade weil ich diese Krankheit habe. Andererseits ist mir auch klar, dass meine Erkrankung nicht nur für mich, sondern auch für Christine ein schweres Erlebnis gewesen ist. Schließlich hatte ich zu Christine bis zum Ende meiner zweiten Psychose kaum noch Kontakt. Zu meiner Schwester und meinen Eltern schon, da ich auch wieder bei meinen Eltern lebte und sie mich in der Zeit oft besuchen kamen.

Einige Monate nach meiner zweiten Psychose bahnte sich wieder ein besseres Verhältnis zu Christine an. Wir schrieben regelmäßig und trafen uns auch wieder öfter. Und anstatt mir zu sagen, dass sie nicht weiß, wie sie mit mir umgehen sollte, machte sie mir durch ermutigende Worte Mut – genau das, was ich mir in früheren Zeiten von ihr gewünscht hatte. Das Verhältnis zu meiner Schwester war nach wie vor gut. Auch wenn es teilweise schwierig für sie war,mit meinen Symptomen umzugehen, versuchte sie, so gut es geht, stets Rücksicht auf meine Erkrankung zu nehmen. Heute ist sowohl das Verhältnis zu meiner Schwester, als auch das zu Christine sehr gut. Beide unterstützen mich sehr und helfen mir dabei, mit der Krankheit zu leben.

Meine Erkrankung macht es mir teilweise sehr schwer neue Kontakte zu knüpfen, da ich durch sie sehr introvertiert, ernst und weniger selbstbewusst bin. Beispielsweise fällt es mir auch schwer rege Gespräche zu führen, weil ich teilweise nicht weiß, worüber ich mit jemandem reden soll und auch weil viel reden manchmal für mich sehr anstrengend sein kann. Aber auch mit diesen Einschränkungen ist es mir gelungen, zwei neue Freundschaften zu knüpfen.

Ein Gedanke zu „Schizophrenie und mein soziales Umfeld“

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