Symptome

Persönlichkeitschaos

Vor meiner Krankheit war ich ein relativ selbstbewusster Mensch. Ich wusste was für einen Humor ich habe, was für eine Sprache ich verwende und wie ich mich in bestimmten Situationen verhalte. Ich war sehr lebhaft, quirlig, zuverlässig, verrückt, mutig, ehrgeizig, fröhlich, kreativ, manchmal etwas eigenartig, abenteuerlustig, faul, chaotisch, humorvoll und etwas introvertiert, jedoch nicht schüchtern. Oft habe ich herumgealbert, mir lustige Spiele ausgedacht oder mal für meine Schwester und mal einfach so Lieder komponiert. Ich habe auch sehr häufig gelacht. Des Weiteren war ich sehr sicher über meine Interessen und Vorlieben. Beispielsweise meine Lieblingsfarbe, mein Lieblingstier oder Lieblingsfilme und -schauspieler. Ich habe mich sehr für Technik und Computerspiele interessiert und habe mir gerne Videoclips von Sängern angesehen. Des Weiteren bin ich gerne vor der Kamera gewesen.

Im Verlauf meiner Krankheit hat sich meine Persönlichkeit sehr verändert, wobei einige Eigenschaften und Vorlieben gleich geblieben sind. Ich habe das Gefühl, dass ich durch die Erkrankung einen Teil meiner Persönlichkeit verloren habe. So richtig unsicher was meine Persönlichkeit betrifft, fühlte ich mich erst nach meiner zweiten Psychose. Ich war überhaupt nicht mehr selbstbewusst. Im Gegenteil: Ich wusste überhaupt nicht mehr, wer ich eigentlich war und wie sich Selbstbewusstsein anfühlt. Diese starken Identitätsprobleme machten mir sehr zu schaffen. Zudem fühle ich mich oft nicht individuell. Nicht nur ich selber, sondern auch mein Umfeld bemerkte, dass ich mich sehr verändert hatte. Ich redete nun deutlich weniger, lachte kaum mehr, war eher verhalten und nicht mehr so lebhaft, quirlig und verrückt wie früher. Ich fühlte mich grundsätzlich unsicher. Diese Unsicherheit spüre ich allerdings mal mehr mal weniger. Obwohl ich in manchen Situationen den Drang hatte, etwas Verrücktes zu tun, wie ich es früher getan hatte (beispielsweise zu einer Musik verrückt zu tanzen) tat ich es nicht, weil ich Hemmungen dabei hatte. Auch wenn sich, was Vorlieben und Interessen angeht, trotz der Krankheit nicht viel verändert hat, fühle ich mich dadurch nicht selbstbewusster. Zum Beispiel ist mein Lieblingstier immer noch der Delfin oder meine Lieblingsfarbe Blau. Aber auch andere Dinge sind gleichgeblieben, wie dass ich mich für Technik interessiere, gerne Musikvideos ansehe oder im Rampenlicht stehe. So habe ich zumindest das Gefühl, dass nicht alle Eigenschaften von mir verloren gegangen sind.

Relativ unsicher bin ich geworden, was meinen Humor und meinen Geschmack betrifft. Dies äußert sich so, dass ich bei einigen Dingen nicht genau sagen kann, ob ich sie lustig finde oder nicht, ob ich darüber lachen soll oder nicht. Es gibt zwar Momente, in denen ich über etwas lache, aber es fühlt sich dabei oft so an, als würde ich es wegen der Schizophrenie lustig finden. Was Essen angeht, ist es so, dass ich bei manchen Gerichten nicht eindeutig sagen kann ob sie mir gut schmecken oder nicht. Am meisten Probleme habe ich mit meiner Ausdrucksweise. Ich weiß nicht mehr, was für Wörter ich nutzen soll, also verwende ich einfach irgendwelche. Dabei fühlt es sich aber nie richtig an. In vielen Situationen weiß ich auch gar nicht mehr, was ich sagen soll und deswegen sage ich häufig gar nichts. Bei vielen Wörtern, die ich im Kopf habe, kann ich gar nicht genau sagen ob ich sie verwenden würde oder nicht. Deswegen achte ich darauf, was die Menschen in meinem Umfeld für eine Ausdrucksweise haben und imitiere sie dann. Beispielsweise sagt meine Cousine sehr oft „Na ja“, wenn sie einen Satz beginnt. Ich übernehme dann dieses Wort und sage es ebenfalls manchmal vor einem Satz. Was meine Gestik betrifft, versuche ich auch einfach irgendwie zu gestikulieren ohne, dass ich genau weiß wie ich eigentlich gestikulieren soll. Ich denke, dass die Art, wie man gestikuliert, auch Teil der Persönlichkeit ist.

Ebenfalls fällt es mir schwer, mir eine eigene Meinung zu einem bestimmten Thema zu bilden, weil ich zu diesem Thema teilweise gar keine oder gegensätzliche Gedanken habe, von denen ich nicht weiß, welche meinen Ansichten entsprechen. Auch eigene Entscheidungen zu treffen, fällt mir schwer. Deswegen benötige ich oft die Hilfe und den Rat anderer Menschen, wenn ich wichtige Entscheidungen treffen muss. Außerdem fällt es mir schwer, mir ein Bild von anderen Menschen zu machen und sie kennenzulernen oder eindeutig zu wissen, ob ich eine Person mag oder nicht. Ich habe auch Probleme dabei, Gesprächsthemen zu finden, um mich mit anderen Menschen zu unterhalten. Früher war das ganz anders. Ich habe auch oft das Gefühl, dass ich durch meine Krankheit nicht so reif und erwachsen bin wie andere in meinem Alter. Also dass ich sozusagen auf eine Art unterentwickelt bin.

Ständig ist es so, dass ich das Gefühl habe, fast gar keine Persönlichkeit mehr zu haben. Es fühlt sich so an, als wäre meine Persönlichkeit völlig durcheinander geraten.  Einmal, als ich mit einigen Bekannten Volleyball gespielt habe, fühlte ich mich innerlich so unsicher und durcheinander, dass ich überhaupt nicht mehr wusste, wie ich mich eigentlich verhalten soll. In diesem Moment fühlte ich mich wie ein Niemand, der keine Persönlichkeit hat. Ich fragte mich, ob die Leute beim Volleyball mir diese Unsicherheit angemerkt haben. Oft denke ich, dass meine Identität und meine Persönlichkeit ein großes Mysterium sind. Manchmal mache ich mir Vorstellungen von meiner früheren Persönlichkeit und von der anderer Menschen, die ich gar nicht in Worte fassen kann. Ich sehe meine frühere Persönlichkeit auch in Menschen, von denen ich glaube, dass sie mir ähnlich waren, als ich noch gesund war. Zu dem ist es so, dass ich bei vielen Leuten in meinem Umfeld denke: „Man, haben die viel Persönlichkeit und Ich nicht“. Ich habe einfach den Eindruck, dass mir irgendwas fehlt. Insgesamt bin ich durch die Persönlichkeitsveränderung und Unsicherheit sehr unzufrieden mit mir und habe oft Komplexe, die meine Person betreffen.

Was mich jedoch am meisten belastet ist, dass ich durch die Veränderung meiner Persönlichkeit keinen Bezug mehr zu meinen Kindheitserinnerungen habe, also zu dem Menschen, der ich früher war. Wenn ich mir beispielsweise ein Video aus meiner Kindheit ansehe, kommt es mir dabei so vor, als würde ich einen fremden Menschen sehen. Dies ist für mich dann sehr unheimlich und erschreckend und ich habe deswegen Angst, mir Videos von meiner Kindheit anzusehen. In vielen Situationen wünsche ich mir, dass ich wieder der Mensch sein könnte, der ich war aber ich weiß, dass es nicht mehr möglich ist und dass ich irgendwie versuchen muss, mit dem Menschen, der ich jetzt bin, zurechtzukommen.

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