Alltag mit Schizophrenie

EX-IN Genesungsbegleiterin

In diesem Beitrag möchte ich über meine aktuelle Ausbildung als EX-IN Genesungsbegleiterin berichten.
Sie begann im November und ist speziell für Menschen, die psychische Einschränkungen haben. Ziel dieser Ausbildung ist es, dass man seine Erfahrungen, die man durch die eigene Erkrankung gesammelt hat, an andere Betroffene weitergibt und sie begleitet, um ihnen aus Krisen herauszuhelfen. Der Ausbildungsträger Lebensart hat seinen Sitz in Münster, wo auch die Ausbildung stattfindet.

Wie ihr vielleicht wisst, sind jegliche Versuche von mir, beruflich weiterzukommen, gescheitert, da mich meine Krankheit immer daran gehindert hat; sei es durch kognitive Defizite oder durch eine Psychose. Doch dieses mal habe ich das Gefühl, dass es klappt. Schon allein  weil die Ausbildung nur ein Jahr dauert und man keine Prüfungen schreibt. Außerdem hat man an nur drei Tagen im Monat Kurse von jeweils 8 Stunden pro Tag, was auch für einen psychisch erkrankten Menschen machbar ist. Neben diesen Kurstagen muss man zusätzlich 120 Stunden Praktika pro halbes Jahr absolvieren. Diese können in verschiedenen Einrichtungen wie Tagesstätten, Kliniken oder ambulanten Wohngruppen ausgeführt werden. Ich mache mein erstes Praktikum in einer Tagesstätte für psychisch erkrankte Menschen nahe meines Wohnortes. Dort werde ich verschiedene Projekte mit ihnen durchführen, beispielsweise Bastel- oder Musikprojekte. Daneben werde ich auch hilfreiche Gespräche bezüglich ihrer Lebenskrisen mit ihnen führen. Über die beiden abgeschlossenen Praktika schreibt man jeweils einen Bericht. Falls dabei Hilfe benötigt wird, bietet die Ausbildung dazu nochmal extra Kurstage an. Die Ausbildung kostet ca. 2500 Euro, jedoch übernimmt in den meisten Fällen (auch bei mir) das Jobcenter die Kosten in Form eines Bildungsgutscheines.

Und nun zu meinem ersten Tag: Als ich an der Ausbildungsstätte ankam, traf ich schon auf zwei meiner Kursteilnehmer. Beide waren deutlich älter als ich, aber sie waren sehr sympathisch und ich unterhielt mich kurz mit ihnen. Nach einer Weile gingen wir dann hoch in den Kursraum. Dort trudelten dann nach und nach auch die anderen Kursteilnehmer ein, insgesamt 18 Personen. Für Verpflegung war auch gesorgt. Es gab Kaffee, Tee und Kleinigkeiten zum essen. Den Genuss von Kaffee und co. durfte man auch während des Unterrichts haben. Um uns gegenseitig näher kennenzulernen spielten wir am Anfang ein Spiel, bei dem wir unseren rechten Nachbarn beschreiben sollten. Zum Beispiel wie er heißt oder was seine Hobbies sind. Diese geratene Beschreibung sollten wir dann laut vorlesen und anschließend würde der Sitznachbar die Beschreibung korrigieren, also wie es wirklich ist. Komischerweise traf meine Beschreibung in vielen Punkten auf meinen Sitznachbarn zu. Blöd für mich war dabei nur, dass die Kursteilnehmer viel über die Beschreibungen gelacht haben und ich nicht wirklich mit lachen konnte, auch wenn ich es gerne wollte. Trotzdem war es ein schöner Einstieg in die Ausbildung.

Dann haben wir alle ein Kursbuch erhalten, welches die Themen für das gesamten Jahr beinhaltet. Das erste Thema war „Salutogenese“, sprich gesundheitsfördernde Haltungen in verschiedenen Bereichen wie Essen, Schlaf oder soziale Kontakte. Wir erarbeiteten in Kleingruppen, was wir selbst tun, um uns in diesen verschiedenen Lebensbereichen gesund zu halten und auch was die anderen dafür tun. Unsere Ergebnisse konnten wir in den Kursunterlagen festhalten. Dabei lernte ich einige der Kursteilnehmer etwas näher kennen und verstand mich gut mit ihnen. In der großen Runde stellten wir dann unsere Ergebnisse in Form von Flipcharts vor. Danach konnten noch Ergänzungen hinzugefügt werden. Die Ergebnisse der Großgruppe konnten wir dann auch in unser Buch übertragen. Zum Schluss haben wir noch gemeinsam Regeln erstellt, die wir bezüglich des Umgangs mit unseren Kursteilnehmern während der Ausbildung beachten sollten.

Am nächsten Tag war das Thema unsere eigene Krankheitsgeschichte. Die Aufgabe bestand darin, eine selbst erlebte Krise mit 10 Hauptwörtern zusammenzufassen. Ich habe meine erste Psychose für diese Aufgabe verwendet. Danach haben wir uns wieder in Kleingruppen zusammengetan. Nun sollte wir zunächst anhand der 10 Hauptwörter spekulieren, wie sich wohl die Geschichte der anderen Gruppenmitglieder zugetragen haben. Dies fand ich persönlich sehr interessant und spannend. Auch wenn ich bei meiner Einschätzung nicht ganz richtig lag, war es eine angenehme Aktivität. Anschließend klärte jeder auf, wie sich die eigene Geschichte wirklich abgespielt hat. Meine Geschichte fanden meine Gruppenmitglieder sehr spannend und interessant. Für mich war es auch sehr interessant, die Geschichten der anderen zu hören, da einer ebenfalls Erfahrungen mit einer Psychose gemacht hat. Allerdings waren auch sehr traurige Geschichten dabei. Zwischendurch gab es eine größere Mittagspause, in der ich mit zwei meiner Kursteilnehmer, mit denen ich mich gut verstehe, etwas essen gegangen bin. Am Ende des Tages haben wir uns dann alle zusammen in eine Runde gesetzt und den Tag reflektiert.

Der letzte Tag diente dazu herauszufinden, welche Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, damit man effektiv lernen kann. Dazu haben wir uns mit den anderen Kursteilnehmern über positive und negative Lernerfahrungen ausgetauscht. Ich habe erzählt, dass ich während meiner Schulzeit meistens nicht sehr intensiv lernen musste und trotzdem gut war. Gemeinsam trugen wir dann noch zusammen, was für einen selbst und für die anderen ein positiver Lerneffekt ist. Zum Schluss stellte jeder noch drei Gegenstände vor, die den eigenen Genesungsweg beschreiben sollten. Obwohl es schon der dritte Tag war, merkte ich, dass es mir körperlich und psychisch noch gut ging und ich durch die Ausbildung nicht überfordert war. Wir haben auch nur sehr wenige Aufgaben bekommen, die wir Zuhause erledigen sollten. Ich verabschiedete mich von meinen Kursteilnehmern und fuhr zunächst zu meiner Schwester und von dort aus wieder nach Hause.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass dies eine wirklich sinnvolle Ausbildung ist, die auch Menschen mit Einschränkungen – so wie ich – hinkriegen können. Ich habe tolle Menschen kennengelernt und freue mich jedes mal auf die Module. Auch wenn ich nach dem Praktikum manchmal einen Durchhänger habe und das Lernen nicht immer leicht ist, mache ich diese Ausbildung gerne.
Ich hoffe, dass ich irgendwann durch meine Ausbildung die Fähigkeit habe, anderen Betroffenen Mut zu machen und ich ihnen auch in für sie scheinbar aussichtslosen Situationen helfen kann.

3 Gedanken zu „EX-IN Genesungsbegleiterin“

  1. Wow, das finde ich super! Ich bin ja Sozialpädagogin und seit meiner Depression merke ich dass ich ganz anders mit Leuten reden kann. Aber es ist immernoch so ein Tabuthema, und so wirklich verstehen kann ed jemand nur, finde ich, der/die was ähnliches durchgemacht hat. Ich drück dir die Daumen dass es so positiv weitergeht für dich, und daß du durch die Ausbildung deine Talente einsetzen kannst. Lg Anna

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  2. Super Sache! Klasse, dass Du das durchziehst und umsetzt. Ich hatte das auch einmal überlegt – So, wie Du es beschreibst, scheint es ja wirklich machbar zu sein. Viel Erfolg weiterhin und gutes Gelingen! Liebe Grüße

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