Gedankenwelt

Aufregende Ausgangserlebnisse

Beim Aufnahmegespräch für die offene Station haben wir mit einem Sozialarbeiter der Klinik gesprochen. Er hatte rote Haare. Ich glaubte, in diesem Mitarbeiter lebt der Geist Gottes. Als ich dann auf der offenen Station war, habe ich mich von den anderen Patienten sehr zurückgezogen, da ich sie für Dämonen hielt. Beispielsweise wollte ich nicht mit ihnen zusammen essen und aß deswegen alleine in meinem Zimmer. Auch die Morgenrunde nahm ich nicht ernst, da ich ja glaubte, dass dies nicht wirklich eine Psychiatrie ist. Irgendwann fing ich dann an zu glauben, dass ich als Engel neben meinen menschlichen Eltern auch noch ein paar himmlische Eltern haben muss. Ich entwickelte daraufhin den Glauben, dass meine himmlischen Eltern der Erzengel Gabriel und Maria die Mutter von Jesus sind. Als ich jünger gewesen bin, habe ich mir mal im Internet einen Videoclip der Sängerin Najoua Belyzel angesehen. Das Lied hieß „Gabriel“. Ich glaubte, dass ich mir damals dieses Lied angehört habe, weil ich zu dieser Zeit im Unterbewusstsein schon wusste, dass Gabriel mein himmlischer Vater ist und, dass Gabriel es in diesem Moment schön fand, dass ich mir diesen Videoclip über ihn angeschaut habe.

Da ich auf einer offenen Station war, konnte ich mehrmals am Tag alleine nach draußen gehen, obwohl ich eigentlich mitten in einer Psychose und deswegen auch schon selbstgefährdet gewesen bin. Und ich nutze diesen Ausgang. Ich hab mir die Gegend in Münster sehr genau angesehen. Während meines Ausgangs hatte ich grundsätzlich immer die gleichen Schuhe an. Es waren schwarze Vans und diese Schuhe waren meine Lieblingsschuhe. Und seltsamerweise wurden diese Schuhe durch meinen Ausgang nie wirklich schmutzig, sondern blieben immer einigermaßen sauber, auch wenn ich mal durch eine dreckige Pfütze gelaufen bin. Deswegen glaubte ich, dass Gott diese Schuhe sauberhält, weil es meine Lieblingsschuhe sind. Bei meinem Ausgang in Münster entdeckte ich einen Ort, den ich sehr romantisch fand. Es war abends und ich durfte noch einmal nach draußen, wo es mittlerweile schon dunkel geworden war. Ich wusste nicht wirklich, wohin ich gehen sollte und dann spürte ich ein Gefühl in meinem Körper. Ich glaubte es wäre Tim, der sich in mir befindet und der mich zu einem bestimmten Ort führen würde. Ich ging dann im Glauben, dass Tim mich führt, durch die dunklen Straßen und kam dann schlussendlich an dem romantischen Ort an, den ich beim Ausgang zuvor entdeckt hatte. Ich war sehr glücklich darüber, dass Tim mich zu diesem Ort geführt hatte. Dort gab es sehr viele Restaurants und an den Häusern hingen romantische Abendbeleuchtungen. Ich bestellte mir etwas zu essen und legte mich dann in eine Sandgrube, welche zu einem Spielplatz gehörte, der sich ebenfalls dort befand. Ich dachte, dass Tim dabei neben mir auf der Sandgrube liegt und wir gemeinsam in den Sternenhimmel schauen. Auch am nächsten Tag bin ich wieder rausgegangen. Ich war sehr unvorsichtig, was den Straßenverkehr betrifft, da ich glaubte, dass mir sowieso nichts passieren konnte, weil dies ja nicht die richtige Welt, sondern eine Welt von Gott ist, in der man nicht sterben kann. So achtete ich beispielsweise auch nicht auf Ampeln und hatte Glück, dass ich dennoch bei grün über die Straße ging. Ich kam an einem parkenden LKW vorbei und dachte, dass ich einfach mal auf ihn drauf klettere. Es kann ja eh nichts passieren. Und das tat ich auch. Danach setzte ich meinen Weg fort und erreichte eine Eisbahn, die allerdings noch geschlossen war. Ohne, dass jemand es merkte, stieg ich über die Absperrung und rutschte mit meinen Schuhen auf dem Eis herum. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass sich Tim auch auf der Eisbahn befindet und wir zusammen Eislaufen. Doch es dauerte nicht lange, da sah jemand, dass ich mich unerlaubt auf der Eisbahn befand und rief zu mir rüber, dass ich sofort da runter gehen sollte. Natürlich war dieser Mann für mich ein Dämon, der Tim und mir den Spaß auf der Eisbahn verderben will. Trotzdem tat ich, was der Mann sagte und ging von der Eisbahn herunter.

Ich war sehr neugierig und wollte alles in dieser Gotteswelt erkunden. Dabei betrat ich dann auch Gebäude in die ich eigentlich gar nicht hinein durfte. Ich fühlte mich als Engel sehr mächtig und so, als ob diese Welt auch zum Teil mir gehören würde. Ich ging weiter und kam an einem Supermarkt vorbei, von dem ich glaubte, dass alles, was sich dort befindet, extra nur für mich wäre und ich mich einfach bedienen könnte. Zum Glück nahm ich mir nur eine gefrorene Pizza mit, ohne dass jemand etwas merkte. Am nächsten Tag während meines Ausgangs hatte ich Hunger, da ich die Pizza bereits am Abend zuvor gegessen hatte. Ich wusste eigentlich nicht mehr, wo es in der Nähe etwas zu essen gibt. Und schon wieder hatte ich das Gefühl, dass Tim in mir ist und mich wieder irgendwo hinführen möchte. Mit diesem Gefühl ging ich dann weiter und erreichte etwas später eine Bäckerei, wo ich mir dann ein Hörnchen kaufte. Ich war Tim sehr dankbar, da ich glaubte, er hätte mich zu der Bäckerei geführt. Auf dem Rückweg passierte mir dann etwas Merkwürdiges: Ich hatte das Gefühl, dass sich die Umgebung verändert hatte. Ich nahm an, dass der Teufel die Umgebung verändert hat mit dem Ziel, dass ich mich verlaufe. Und ich war wirklich sehr orientierungslos und wusste gar nicht mehr wirklich wie ich wieder zurück zur Klinik komme, weil irgendwie alles anders aussah. Dennoch erreichte ich dann doch noch die Klinik und war froh darüber.

Ein Gedanke zu „Aufregende Ausgangserlebnisse“

  1. Ich glaubte auch in einer meiner Psychosen, dass ich ein Engel sei. Ich bekam Botschaften auf Hebräisch, die ich dann an andere weitergab. Meistens sind meine Psychosen etwas religiös angehaucht.

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